SPITZEN ARBEIT – TRADITIONELLES HANDWERK KLÖPPELN

Text Bernadette Lietzow

Der Verein für Klöppeln und Textile Spitzenkunst in Österreich hat sich dem Erhalt und der Pflege der tradionellen Handwerkskunst des Klöppelns verschrieben. Eine historische Spurensuche der Kulturjournalistin Bernadette Lietzow.

Eine junge Frau in gelbem Kleid, das Haar kunstvoll geflochten, gibt sich konzentriert ihrer herausfordernden Tätigkeit hin – dem Spitzenklöppeln. Jan Vermeers kleines Gemälde, entstanden um 1670, begeistert das Publikum des Pariser Louvre und ist, millionenfach reproduziert weltberühmt. Der holländische Barockmaler lässt den Betrachter teilhaben an der komplizierten Handarbeit des Bürgermädchens, die, umgeben von Klöppeln, Nadeln und feinem Garn, an einer Spitze werkt und darin offensichtlich äußerst begabt ist: Stattete der Künstler sie doch auch mit einem kostbaren weißen Umlegekragen aus, von dem man annehmen kann, dass es sich um ein von ihr gefertigtes Prunkstück handelt.

Die Wiege der faszinierenden Technik der Spitzenklöppelei ist im Italien der Renaissance auszumachen. Im Versuch, Kleidungsstücke mit einer dekorativen Kragen- oder Ärmelkante zu versehen, entstanden dort die ersten „Flechtspitzen“. Gleichzeitig wurden, unter anderem in Venedig, erste Musterbücher publiziert, die sich rasch über den Kontinent verbreiteten. In Spanien, man denke an die Porträts von Herrschern in strenger schwarzer Hoftracht, denen üppige weiße Spitzenkrägen ein wenig Lebendigkeit verleihen, dem sächsische Erzgebirge, in Frankreich und dem heutigen Belgien, Stichwort: Brüsseler Spitze, entwickelten sich vorindustrielle Kompetenz-Zentren der Spitzen-Herstellung.

Erzeugt wurden die zarten Wunderwerke zumeist von verniedlichend gerne so benannten „zarten Frauenhänden“. Als „Luxusprodukte der Hausindustrie“ bezeichnet Monika Thonhauser, Kulturwissenschaftlerin und Expertin für das Spitzengewerbe im Salzburger Raum, jene von unzähligen Heimarbeiterinnen (und ihren Kindern!) hergestellten Klöppelspitzen, die, vertrieben über Fabrikanten in einer Art Verlagssystem, begeisterte Abnahme vor allem bei Adel und hohem Klerus fanden. Gute Gewinne waren da zu erzielen, schließlich kostete im Zeitalter des Rokoko ein halber Meter Spitze mehr als das Jahresgehalt einer Klöpplerin.

Die zunehmende Industrialisierung des 19. Jahrhunderts machte auch vor der handwerklichen Spitzenproduktion nicht Halt und brachte Veränderungen, nicht zuletzt mit der Entwicklung einer Klöppelmaschine. Im habsburgischen Österreich befürchtete man einen Niedergang der Handspitzenproduktion, der man massiv mit der Gründung des K. K. Wiener Zentralspitzenkurses im Jahr 1879 begegnen wollte. Die Ausbildung neuer Fachlehrerinnen, fortschrittliche Techniken, zeitgemäße Muster und nicht zuletzt der Wille, Spitzenarbeiterinnen bessere Arbeitsmöglichkeiten zu bieten, standen im Mittelpunkt.

Die modernen Entwürfe von Johann und Mathilde Hrdlicka sowie Franziska Hausmanninger sorgten nicht nur im Kaiserreich für Furore. Auf der Pariser Weltausstellung 1900 wurde dem Team für ihre Spitzen der „Grand Prix“ zuerkannt. Ein bedeutendes Produkt dieser Zeit ist die heute wieder erhältliche „Austria-Spitze“ mit elegant geschwungener Jugendstil-Ornamentik. 1903 wird unter Federführung der Künstler Josef Hoffmann und Koloman Moser eine kunsthandwerkliche Produktionsgemeinschaft aus der Taufe gehoben, die als „Wiener Werkstätte“ weltweit Ruhm erlangten sollte. Bis Anfang der 1930-er Jahre wurden unter dem berühmten Label Schmuck, Möbel, Textilien, Keramik und Metallwaren gefertigt: Nach Entwürfen zahlreicher namhafter Künstlerinnen und Künstler, die mit ihren kreativen Ideen, umgesetzt in gediegenem Handwerk, eine neue Geschmackskultur anstrebten.

Die Produktion von Spitzen der Wiener Werkstätte beginnt erst um 1915 – sicher nicht zufällig zeitgleich mit dem Eintritt des bahnbrechenden Ornamentikers Dagobert Peche, dessen phantasievolle Formensprache nicht nur die Stoff- und Tapetenproduktion beeinflusste. Seine Entwürfe für Klöppelspitzen sind wahrhaft revolutionär, weil ebenso modern wie bildhaft. Im Archiv des Wiener MAK, des Museum für Angewandte Kunst, kann man sich (auch online) auf Spurensuche begeben. Ein gespiegelter Frauenakt ziert da eine Runddecke, Skizzen von verschlungenen Blumenranken weisen hin auf die große Gestaltungskraft, die Peche in seine Entwürfe für Klöppelspitzen einfließen ließ. Die Spitze ist zwar nach wie vor gefragtes modisches Must, von Hochzeitskleid bis zum schicken Bralet, die Kunst des Klöppeln fristet jedoch, abseits von verdienstvollen Vereinen in vielen Regionen Europas, ein Nischendasein. Die Zeit ist reif, seine Versuche in DIY um diese alte (meditative!) Technik zu erweitern, nicht zuletzt, um die zu Unrecht verpönten Spitzendeckchen der Urgroßmütter mit neuen Augen zu betrachten.

Verein Klöppeln und Textile Spitzenkunst in Österreich
www.kloeppel-verein.at
MAK Museum Wien
www.mak.at